Was passiert, wenn man ein Kind im Kindergartenalter bittet, ein Haus zu zeichnen? Es wird mit großer Wahrscheinlichkeit geometrische Formen verwenden: Ein Quadrat oder Rechteck für die Wand, ein Dreieck für das Dach, weitere Vierecke für Fenster, Türen und den Schornstein. Je nach Alter und Erfahrung kommt vielleicht noch ein Kreis oder Bogenelement als besonderes Detail hinzu.
Ich finde es spannend, dass dieser Grundbaukasten an Formen vollkommen ausreicht, das Konstrukt „Haus“ für jedermann eindeutig darzustellen. Für meine Architektur-Portraits gilt daher genau dieses Prinzip: Ich benutze ausschließlich geometrische Formen, um eine Fassade grafisch auf ihr Wesentliches zu reduzieren.
Zu historischen Fassaden gehört, je nach Baustil, auch eine Menge Dekor. Diese Schmuckelemente zu abstrahieren finde ich manchmal ziemlich herausfordernd. Vor allem ein Bauelement begegnet mir ziemlich oft: Die Spirale, die in ihrer dreidimensionalen Form Volute genannt wird.
Ein Ornament mit langer Tradition
Dieses schneckenförmige Element fasziniert mich in mehrfacher Hinsicht. Für die Konstruktion der Volute oder Spirale gibt es verschiedene mathematische und konstruktive Ansätze, die zu verschiedenen optischen Ergebnissen führen. Und trotz – oder vielleicht gerade wegen ihrer Komplexität hat die Volute als elegantes Bauornament eine sehr lange Tradition. Bereits die Ägypter verzierten die Kapitelle ihrer Säulen mit schneckenartigen Ornamenten, die sie von der Form des offenen Lotosblütenkelches ableiteten.
Mir ist der Begriff „Volute“ seit dem Kunstunterricht im Gedächtnis geblieben. Wir sprachen über die antiken Säulenordnungen – dorisch, ionisch und korinthisch. Viel später las ich über den römischen Architekten, Ingenieur und Architekturtheoretiker Vitruv: dieser interpretierte die Voluten, die ein typisches Merkmal der ionischen Säulenordnung darstellen, als Locken einer Frau. Denn nach antiker Auffassung handelte es sich bei der ionischen Säule um die weibliche Ordnung, im Gegensatz zur „männlichen“ dorischen Säule.
Von der Antike bis zur Moderne: Die Volute durch die Stilepochen
Die Römer griffen die Volute auf und setzten sie auch in ihren eigenen Bauten und Kapitellen ein. Doch mit dem Ende der Antike verschwand sie für lange Zeit aus der Architektur: Im Mittelalter fand die Volute nur noch selten Verwendung, etwa als zierliche Verzierung an Portalen oder Fenstern.
Erst die Renaissance weckte sie aus ihrem Dornröschenschlaf. Plötzlich zierte die schneckenförmige Spirale wieder Giebel, Fenster und sogar ganze Fassaden. Die typischen Volutengiebel mit ihren großen Schnecken als Übergang zwischen den Geschossen zeigen, dass die Volute vom Dekor zum konstruktiven Bauelement geworden war.
Im Barock dann wurde die Volute zum Inbegriff barocker Pracht: Sie wand sich dynamisch über Fassaden, schmückte Kanzeln, Altäre und Deckenstuck, als wolle sie Bewegung in die steinernen Massen bringen.
Der Klassizismus schließlich besann sich wieder auf die strengen Formen der Antike und verwendete die Volute als zurückhaltendes Motiv.
Im 19. Jahrhundert erlebte die Volute eine letzte Blütezeit. Wer sich die prachtvollen Fassaden dieser Zeit genauer ansieht, entdeckt Schnecken und Spiralen in Hülle und Fülle: An Konsolen und Kapitellen, als Stuck und an kunstvollen schmiedeeisernen Balkongittern. In einer unglaublichen Fülle und Kreativität griff der Historismus auf die Formensprache vergangener Epochen zurück und bereitete dekorativen Bauelementen wie der Volute eine letzte große Bühne, bevor die nüchterne Moderne auf eine neue, schlichte Formensprache setzte.
Die wunderbare Spirale – und warum sie uns noch heute fasziniert
So durchlief die Volute wie ein roter Faden die Baugeschichte, wenn auch mit variierender Präsenz und Bedeutung. Woher die Faszination für diese Form rührt, wird sich wohl nicht abschließend klären lassen. Vielleicht liegt ein Grund darin, dass die Spirale in der Natur häufig zu finden ist. Man denke an Schneckenhäuser oder eingerollte Farnblätter. Bei Zapfen oder Sonnenblumen sind die Samen spiralförmig angeordnet. Dieser geniale Trick der Natur sorgt dafür, dass die maximale Anzahl an Samen im Blütenstand Platz findet. Die Mathematik beschreibt solche Phänomene unter anderem mit der logarithmischen Spirale, die den Schweizer Mathematiker Jakob Bernoulli (1655–1705) so beeindruckte, dass er sie „spira mirabilis“, die wunderbare Spirale, nannte.
Die wunderbare Spirale – dank der Bemühungen von Eigentümern historischer Gebäude, Denkmalpflegern und Restauratoren ist sie uns bis heute als Bauornament erhalten geblieben. Mich stimmt es hoffnungsvoll, dass es Jugendbauhütten wie die der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gibt, in denen Nachwuchshandwerker traditionelle Techniken erlernen und so das handwerkliche Erbe bewahren.
Aber Denkmalschutz braucht nicht nur Fachwissen, sondern auch Vermittlung in die Öffentlichkeit! Wenn Sie Unterstützung für die visuelle Kommunikation von Kulturerbe, historischen Gebäuden oder denkmalbezogenen Themen suchen, begleite ich Sie gern mit gestalterischem Feingefühl und einem geschulten Blick für architektonische Details.

